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Aber Roths Gefährtin war hier.
Sie würde wissen, wo er steckte. Und wenn ihre Lippen ihn nicht verraten wollten, würde ihr Blut es umso schneller tun.
Claire.
Ihr Name flackerte in seinem Verstand wie ein Kurzschluss, schwach, finster, nur um gleich wieder von der Wut verschlungen zu werden, die in ihm tobte. In diesem Augenblick war sie für ihn niemand mehr, den er einst gekannt hatte. Er hatte sie nie in den Armen gehalten. Sie nie geliebt.
Jetzt, in diesem Augenblick, in diesem Zustand, wusste er in seiner Wut nur, dass sie die Frau war, die Wilhelm Roth gehörte.
Und das machte sie ebenso sehr zu Reichens Feindin wie Roth selbst.
Er stapfte auf den Waldrand zu, wohin er die Stammesgefährtin hatte rennen sehen. Vage registrierte er den Duft von geschmolzenem Fichtenharz und versengtem Laub, als er in eine dichte Baumgruppe hineinging. Tief hängende Äste bogen sich aus seinem Weg von der Hitze, die er bei jedem Schritt verströmte.
Er wusste genau, wohin die Frau geflohen war. Er konnte das schnelle Keuchen ihres Atems hören, als er tiefer in den Wald eindrang. Sie hatte Angst, der Geruch ihres Entsetzens lag wie eine frische Duftnote in der Luft, die die Rauchschwaden nicht ganz überdeckten.
Jetzt verstummten ihre Schritte irgendwo vor ihm.
Sie hatte einen Ort gefunden, wo sie sich vor ihm verstecken konnte - dachte sie wohl. Reichens Stiefel stapften zielstrebig auf sie zu.
Blutrot, laserscharf richtete sich seine Konzentration auf einen riesigen Haufen von Erde und den freiliegenden knorrigen, abgestorbenen Wurzeln eines umgestürzten Baumes. Roths Stammesgefährtin kauerte dahinter.
Reichen hörte, wie ihr Herzschlag noch schneller zu rasen begann, als er sich ihr näherte und mit der feurigen Energie, die über seinen Körper schoss, den uralten Wurzelballen zum Schmoren brachte. Aus dem dunklen Klumpen stieg Dampf auf. Jetzt würde es nicht mehr lange dauern, bis das Ding in Flammen aufging. Seine Hitze war jetzt zu stark, strahlte in wilden, pulsierenden Wellen von ihm ab. Jetzt konnte er die bevorstehende Explosion nicht mehr verhindern, selbst wenn er es gewollt hätte.
„Komm raus, Frau.“ Seine Stimme klang rostig und fremd, so trocken wie Asche in seiner Kehle. „Dir bleibt nicht mehr viel Zeit. Komm raus, solange du noch kannst.“
Sie gehorchte ihm nicht. Irgendwie überraschte ihr eigensinniger Widerstand ihn nicht - er hatte ihn sogar erwartet. Aber ein anderer Teil von ihm, der Teil, der von pyrokinetischer Wut brannte und mittlerweile verdammt ungeduldig war, stieß ein markerschütterndes Brüllen aus.
Diese Warnung zeigte Wirkung.
Er registrierte eine blitzartige Bewegung - hörte schnelle Schritte über den laubbedeckten Waldboden huschen - , und im nächsten Augenblick explodierte die Baumwurzel. Funken schossen in alle Richtungen, schickten orange Lichtgirlanden in die Nacht. Reichen sah Roths Frau tiefer in die Wälder fliehen, schwelende Trümmer regneten um den Krater nieder, der nun in der Erde klaffte, wo sie sich versteckt hatte.
Mit einem wüsten Fluch nahm er die Verfolgung auf. Sie rannte schnell, doch er war schneller. Sie würde ihm nicht entkommen. Es dauerte nicht lange, bis sie das selbst erkannt hatte. Das Geräusch ihrer Schritte wurde unregelmäßiger und verstummte dann völlig. Reichen blieb stehen, wo er war, in etwa zehn Schritten Entfernung von ihr. Über seinem Kopf knisterten die Blätter und wurden schwarz; die Zweige um ihn herum versengt von seiner Hitze.
Sie ballte und öffnete die Fäuste an ihren Seiten, bewegte die Füße auf der Stelle, schien ihre Fluchtchancen abzuwägen und schnell zu verwerfen.
„Wenn du mich töten willst, dann tu es.“
Ihre Stimme war leise, aber es lag nicht das kleinste Zittern darin. Ihr samtiger Klang weckte lang vergessene Erinnerungen, die ihm in einer plötzlichen Bilderflut durch den Kopfschüssen: Er und diese Frau, nackt zusammen im Bett, in den zerwühlten Laken gefangen, wie sie lachten und sich küssten. Goldenes Kerzenlicht, das in ihren dunkelbraunen Augen tanzte, als er sie bei einem Mitternachtspicknick am See mit gezuckerten Himbeeren fütterte. Ihre Arme um seine Taille geschlungen, ihre Wange, die an seiner nackten Brust ruhte, als sie ihm gestand, dass sie sich in ihn verliebt hatte.
Claire...
Er brauchte einen Augenblick, um diese alten Erinnerungen abzuschütteln, und zwang sich, stattdessen an eine Erinnerung aus der jüngeren Vergangenheit zu denken, die Erinnerung, die er immer noch in dem bitteren, beißenden Rauch schmecken konnte, der schwer in der Waldluft hing.
Die Erinnerung, die getränkt war vom Blut von zu vielen unschuldigen Opfern.
„Ich bin nicht gekommen, um dich zu töten, Claire Roth.“
Sie wurde sehr ruhig, als er sie bei ihrem Namen nannte. Reichen starrte auf den aufrechten Rücken vor ihm, die zierlichen, furchtlos und trotzig gereckten Schultern, als die Gefährtin seines Feindes sich langsam zu ihm umdrehte. Ihre riesigen dunklen Augen betrachteten ihn aus der Ferne. Er sah Wiedererkennen dort, das jedoch sofort Ungläubigkeit wich. Stumm schüttelte sie den Kopf und starrte ihn an, als wäre er ein Geist oder eine Art Monster. Er wusste, dass er das war, besonders seit heute Nacht, aber als er es jetzt in den Augen eines anderen - in ihren Augen - sah, loderte die Wut in ihm umso heftiger auf.
„Sag mir, wo er ist“, verlangte Reichen.
Sie schien ihn nicht zu hören, starrte ihn nur weiter scheinbar endlos an, nahm seinen Anblick mit diesem aufgeweckten, neugierigen Blick in sich auf.
Schließlich schüttelte sie langsam den Kopf.
„Ich verstehe nicht, wie das möglich ist“, murmelte sie.
Sie ging einen Schritt auf ihn zu und zuckte sofort zurück. Um ihn herum fielen geschwärzte Blätter und Fichtennadeln von den Ästen und verbrannten vor seinen Füßen zu weißer Asche. „Mein Gott... Andreas.
Ist das ein Traum? Ich muss doch träumen, oder? Das ist nicht real. Das kann doch nicht real sein...“
Die Worte kamen zögernd, klangen schwach, erstickt in ihrer Kehle. Trotz der intensiven Hitze, die er ausstrahlte, hob sie ihre Hand, als wollte sie ihn berühren. „Ich dachte, du bist tot, Andreas. Die ganzen drei Monate, seit das Feuer deinen Dunklen Hafen zerstört hat... habe ich geglaubt, dass du tot bist.“
Reichen fauchte. Mit einem erschrockenen Aufkeuchen riss Claire ihren Arm zurück. Sie rieb sich die Finger, die bei dem Kontakt mit ihm verbrannt wären, ohne Zweifel spürte sie dies auf ihrer ungeschützten Haut.
Ihre Verwirrung war offensichtlich. So wie ihr Entsetzen. „Herr im Himmel, was ist mit dir passiert?“
Natürlich konnte sie es nicht wissen. Er war anders gewesen, als sie ihn gekannt hatte. Himmel, alles war damals anders gewesen. Die Hitze, die jetzt in ihm brannte, war kalt und inaktiv gewesen, hatte so tief in ihm gelauert, dass er selbst nichts von ihrer Existenz geahnt hatte - bis man ihre höllische Macht aus ihm herausgefoltert hatte, damals, vor dreißig Jahren.
Es hatte ihn seine ganze Kraft gekostet, diesen Fluch niederzukämpfen. Es war schon lange her, dass die Hitze zuletzt in ihm gelodert hatte, und er war so dumm gewesen, zu glauben, dass er sie für immer zurückgedrängt hatte. Aber sie war immer noch da gewesen, hatte unterschwellig in ihm weitergeschwelt.
Hatte gewartet auf die kleinste Chance, sich wieder neu zu entzünden, während er ihre Existenz mit allen Kräften leugnete.
Die ganzen letzten drei Jahrzehnte hatte er eine Lüge gelebt, und nun war sie ihm mitten im Gesicht explodiert.
Nun würde er nie wieder der Alte sein. Jetzt, da Wilhelm Roths Verrat seine monströse Seite wieder aufgeweckt hatte. Jetzt, da Kummer und Wut die schreckliche Fälligkeit wieder in sein Leben gerufen hatten und die Feuer nun für immer in ihm brannten. Sie begannen, ihn zu beherrschen.
Ihn zu zerstören.
Und wegen der skrupellosen Verbrechen ihres Gefährten sah Claire diese schreckliche Wahrheit nun mit eigenen Augen.
Nein, er würde nie wieder so sein wie früher.
Und er würde nicht ruhen, bis er seine Rache hatte.
Durch die Flammen suchten Claires Augen seine, teils besorgt, teils mitleidig. „Ich verstehe nicht, was hier vorgeht, Andre. Warum bist du so? Sag mir, was mit dir passiert ist.“
Er hasste die Besorgnis in ihrer Stimme. Er wollte sie nicht hören, nicht von Roths Gefährtin.
„Bitte, rede mit mir, Andre.“
Andre. Nur sie hatte ihn so genannt. Nach ihr hatte er niemandem mehr erlaubt, so vertraut - so persönlich - mit ihm zu werden. Nach ihr hatte es so vieles gegeben, das er nicht hatte zulassen können, weder bei sich selbst noch bei anderen.
Er hatte nicht gedacht, dass es so wehtun würde, seinen Namen auf ihren Lippen zu hören. Reichen bleckte höhnisch die Zähne und Fänge, um sie zum Schweigen zu bringen, doch sie ließ nicht von ihm ab, verlangte Antworten.
„Andre... wer hat dir das angetan?“
Er ließ das Feuer seiner Wut aufflammen, seine Stimme war rau wie Schotter in seiner Kehle. „Der Mistkerl, der sein Todeskommando in mein Zuhause geschickt hat, um meine Familie kaltblütig abzuschlachten. Wilhelm Roth.“
„Unmöglich“, hörte Claire sich sagen, doch ob sie damit die schreckliche Anschuldigung gegen Wilhelm meinte oder die Tatsache, dass Andreas Reichen quicklebendig war - und unfassbar tödlich - , wusste nicht einmal sie selbst so genau. „Du brauchst Hilfe, Andre. Was auch immer mit dir passiert ist und dich so gemacht hat... egal, was du heute Nacht getan hast... du brauchst Hilfe.“
Er stieß ein verächtliches Schnauben aus, düster und gefährlich. Es war ein tierhafter Laut, der zum wilden Blick seiner Augen passte. Seine Wut war offensichtlich; sie war eine so gewaltige Kraft, dass sein Körper sie nicht mehr bändigen konnte. Claire ließ ihren Blick über ihn gleiten, über die pulsierenden Hitzewellen, die seine Glieder und seinen Oberkörper überzogen und seine Gesichtszüge monströs und unmenschlich verzerrten.
Herr im Himmel.
Diese höllische Hitze war seine Wut.
„Oh Andre“, flüsterte sie, und obwohl gerade so viele verwirrende Gefühle auf sie einstürzten, krampfte sich ihr Herz zusammen. „Ich weiß, wie schrecklich das alles für dich sein muss. Auch mir hat es wehgetan, als ich erfahren habe, was in deinem Dunklen Hafen geschehen ist.“
„Fünfzehn Opfer“, fauchte er. „Alle tot. Sogar die Kinder.“
Schmerzerfüllt schloss Claire die Augen. „Ich weiß, Andre. Ich habe natürlich davon gehört. Wir alle in der Region waren entsetzt, als uns die Nachricht aus Berlin erreichte. Es war eine schreckliche, unvorstellbare Tragödie...“
„Es war ein verdammtes Blutbad“, bellte er, fiel ihr mit scharfer, rauer Stimme ins Wort. „Fünfzehn unschuldige Opfer, ausgelöscht auf Wilhelm Roths Befehl. Allesamt ermordet, auf seinen Befehl wie Hunde abgeknallt.“
„Nein, Andre.“ Verwirrt schüttelte Claire den Kopf, erschüttert, wie er nur so etwas denken konnte. „Es gab eine Explosion. Die Ermittler der Agentur sind zu dem Schluss gekommen, dass es ein Leck in der Gasleitung gab. Es war ein Unfall, Andreas. Ich weiß nicht, wie du auf die Idee kommst, dass Wilhelm...“
„Das reicht“, knurrte er. „Deine Lügen retten deinen Gefährten auch nicht. Nichts wird ihn retten vor der gerechten Strafe, die er verdient. Ich werde sie rächen.“
Claire schluckte schwer. Sie war nicht so naiv, zu glauben, dass Wilhelm Roth eine schneeweiße Weste hatte. Er war kalt und distanziert, aber nicht grausam.
Ein skrupelloser Politiker, der aus seinen ehrgeizigen Ambitionen nie einen Hehl gemacht hatte. Aber ein Mörder? War er zu dem fähig, dessen Andreas ihn beschuldigte? Nein, das passte nicht zusammen.
So schwer es ihr auch fiel, Claire musste sich fragen, ob Andreas und nicht Wilhelm hier das eigentliche Monster war. Sie brauchte nur an seinen breiten Schultern vorbeizublicken, um den Rauch und das Feuer zu sehen, das immer noch von dem Gemetzel aufstieg, das er auf der Straße hinterlassen hatte. Und es gab noch mehr Tod und Zerstörung in Hamburg, in dem Dunklen Hafen, wo Wilhelm mit ein paar Verwandten und Angestellten gelebt hatte.
Tod und Zerstörung, die dem Schicksal, das Andreas' eigenen Dunklen Hafen vor drei Monaten ereilt hatte, ziemlich ähnlich waren. Der Brand in Berlin war riesig gewesen, die Vernichtung gnadenlos und vollständig. Als der Rauch sich endlich gelegt hatte, war nichts von dem Anwesen und seinen Bewohnern übrig geblieben. Die Flammen hatten sie alle verzehrt.
Oh Gott...
Claire starrte Andreas an, in ihrem Innersten breitete sich Übelkeit aus, als die Hitzewellen, die von seinem Körper ausgingen, die Luft um ihn herum zum Flirren brachten. Vielleicht gab es eine Erklärung für das, was mit seinem Dunklen Hafen geschehen war. Vielleicht war er irgendwie ausgerastet. War etwas geschehen, das ihn wahnsinnig gemacht und diese erschreckende Seite in ihm zum Vorschein gebracht hatte?
„Andre, hör mir zu.“ Sie trat einen Schritt näher an ihn heran, ihre Hände in einer ruhigen, beschwichtigenden Geste ausgestreckt. „Ich weiß nicht, was mit dir passiert ist, aber ich will dir helfen, wenn ich kann.“
Er knurrte einen üblen Fluch. Die Hitze, die über seinen Körper schoss, wurde intensiver, ein beißender Geruch erfüllte die Luft.
Claire kam noch näher, sie hoffte, dass es ihr gelang, zu ihm durchzudringen, durch diesen Wahnsinn, der ihn gepackt hatte. „Bitte rede mit mir.
Sag mir, wie ich dir helfen kann, und lass uns das gemeinsam lösen. Ich bin bereit, wenn du es bist.“
Obwohl sie sich gezwungen hatte, sich ihre Furcht nicht anmerken zu lassen, zuckte sie doch unwillkürlich zurück, als ein knisternder Lichtschein von der Intensität eines weiß glühenden Blitzes begann, von seinem Körper abzustrahlen. Er grunzte durch Zähne und Fänge. Seine sowieso schon schmalen Pupillen in seinen feurigen bernsteingelben Augen zogen sich zu winzigen vertikalen Schlitzen zusammen. Er war ein Stammesvampir, von Natur aus ein Raubtier, doch der Vampir in ihm hatte Claire nie Angst gemacht. Es war diese andere Seite in ihm - die Seite, von der sie nie gewusst hatte, dass er sie überhaupt besaß, geschweige denn sie selbst gesehen hatte - , die ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Unsicher geworden, verängstigt durch das, was heute Nacht geschehen war, und auf der Hut vor diesem Fremden, den sie nicht länger kannte, ging Claire einen weiteren Schritt auf ihn zu.
„Bitte, du musst wissen, dass du mir vertrauen kannst. Lässt du mich dir helfen, Andre?“
„Verdammt, hör auf, mich so zu nennen!“
Auf seinen wütenden Aufschrei hin ging direkt rechts von ihr ein Baum in Flammen auf. Claire warf einen nervösen Blick auf das Feuer, das so plötzlich den hohen Fichtenstamm hinaufkletterte. Von der Feuersbrunst schlug ihr ein Hitzeschwall ins Gesicht, als wäre sie in einem Hochofen gefangen.
War das als Warnung oder Drohung gemeint?
Hatte er diesen Teil seines Selbst überhaupt noch unter Kontrolle?
Sie war sich nicht sicher, ob er dazu noch in der Lage war.
Claire wich langsam vor den Flammen zurück, ihre Augen weiter fest auf Andreas gerichtet, der ihr mit einem sengenden Blick aus schmalen Augen folgte.
Sie suchte nach Vernunft in diesen Augen - nach einem kleinen Rest von Verstand - , aber was zu ihr zurückkam, war die reine Wut. Und Schmerz. Lieber Gott, so viel Schmerz lag in diesen Augen.
„Sag mir, wo er ist, Claire.“
Sie schüttelte schwach den Kopf. „Ich weiß es nicht.“
„Sag's mir.“
Wieder schüttelte sie den Kopf, und ihre Füße trugen sie ein paar Schritte weiter fort von dieser Kreatur, die einst ihr Freund... ihr Geliebter gewesen war. Es hatte eine Zeit gegeben, in der Andreas Reichen alles für sie gewesen war. Nun war sie sicher, dass sie ihrem Tod ins Auge blickte. Ihrem - und Wilhelms. „Ich habe Wilhelm schon eine Weile nicht gesehen. Er hält mich nicht über seine Geschäfte oder seine Reisen auf dem Laufenden. Aber er ist nicht hier, und ich weiß nicht, wo er ist. Das ist die Wahrheit, Andre.“
Wieder brüllte er auf, als sie ihn mit diesem Namen ansprach. Ein weiterer Baum in der Nähe ging in Flammen auf wie Feuerwerkskörper. Dann wieder einer und noch einer. Hitze explodierte auf beiden Seiten neben ihr, Feuer loderte hoch in den Nachthimmel auf. Claire konnte ihren Aufschrei nicht unterdrücken, genauso wenig wie ihren Überlebensinstinkt. Sie rannte los, als um sie herum der Wald in Flammen aufging.
Sie rannte in die einzig mögliche Richtung, weg von Andreas. Im Chaos und in ihrem Entsetzen hatte sie völlig die Orientierung verloren. Aber eigentlich rechnete sie schon gar nicht mehr damit, zu entkommen. Sie rannte und erwartete schon, zu spüren, wie das höllische Feuer ihr die Haut versengte. Sie würde Andreas' Wut nicht überleben. Aber sie rannte weiter.
Völlig außer Atem und zitternd erreichte sie den Waldrand, ihre Füße stolperten über Gras und unebenes Gelände. Sie hob den Kopf und wäre vor Erleichterung fast in Tränen ausgebrochen, als sie das Herrenhaus vor sich aufragen sah. Hinter ihr lagen Dunkelheit und der ferne Feuerschein. Ein Adrenalinstoß schoss in ihren Blutstrom, und Claire rannte über den offenen Rasen zum Haupteingang des festungsartigen Anwesens.
Die Haustür war nicht abgeschlossen, die Wachen hatten sie vorhin in ihrer Eile, das Haus zu evakuieren, offen gelassen. Claire rannte hinein und schlug die Tür hinter sich zu, warf alle Riegel vor und schloss ab.
Sie lief nach oben, schnappte sich unterwegs ein schnurloses Telefon und floh die Treppe hinauf in den dritten Stock. Sie betete, dass der Zufluchtsort, den sie eben gefunden hatte, nicht ihr Grab werden würde. Schon hatte sie die Hälfte der Nummer von Wilhelms Sekretär gewählt, als ihr klar wurde, dass sie kein Freizeichen hörte. Die Leitung war tot, sie hörte nichts als statisches Rauschen.
„Verdammt!“
Claire warf das Telefon hin und ging langsam zu den hohen Fenstern an der gegenüberliegenden Wand hinüber. Sie hatte eine Ahnung, was sie auf der anderen Seite der Scheiben sehen würde, als sie die Fensterläden öffnete und über das ausgedehnte Grundstück des Anwesens hinausspähte. Aber der Anblick nahm ihr trotzdem den Atem.
Schwarze Rauchschwaden drangen von der langen Auffahrt und aus dem Wald. Orangefarbenes Feuer zuckte über die Baumwipfel, züngelte am sternenklaren Himmel. Und mitten in den Wäldern schien ein helleres Licht - pulsierende weiße Hitze von blendender Intensität.
Andreas. Er war die Quelle all dieses geisterhaften Lichtes.
Würde er sie jetzt verfolgen? Wenn er es tat, war alles aus.
Aber das Licht aus seinem Körper bewegte sich nicht. Und auch Claire rührte sich nicht vom Fleck.
Ihre Füße blieben wie angewurzelt auf dem Boden am Fenster stehen, während sie dieses gespenstische Pulsieren beobachtete, unfähig, den Blick abzuwenden.
Sie sah hinaus, noch Stunden später, als die Feuer auf der Straße und im Wald nach und nach herunterbrannten.
Sie sah hinaus... bis die Nacht unaufhaltsam auf die Morgendämmerung zukroch. Und der Schein von Andreas' Wut brannte immer noch.